Heute habe ich meine Alsterrunde in meinen neuen Tarahumara Sandalen absolviert.
Die gute Nachricht ist: Es gibt keine Schlechte!
Das hat nämlich erstens wirklich gut funktioniert und zweitens irre viel Spaß gemacht. Die Gründe dafür sind vielfältig und darum beginne ich besser am Anfang:

…und am Anfang war Skepsis, Unglaube und belächelt werden.

Tarahumara Laufsandalen… dass es die gibt wusste ich schon länger, habe ich doch “Born to Run” gelesen und lieben gelernt (Ich lese es zur Zeit das zweite Mal).
die dort beschriebenen Indios sind nach wie vor die besten Ultralangstreckenläufer der Welt. Viele laufen nach wie vor in ihrem klassischen Schuhwerk, eben diesen Sandalen, auch Huaraches genannt.

Obwohl ich -nicht zuletzt durch das Buch- schon seit Beginn meines Laufens 2014 überzeugt bin von einem Laufstil, der einem das Laufen barfuß oder in Minimalschuhen ermöglicht, habe ich bis vor Kurzem Laufsandalen nicht im Fokus gehabt.

Wieder einmal habe ich in der Community von Runnersworld den entscheiden Impuls erhalten, den ich fragte dort nach Erfahrungen zum Barfußlaufen bezüglich der Gefahr von Splittern. Seit einiger Zeit habe ich mir nämlich angewöhnt, am Ende einer Laufeinheit die letzten zwei Kilometer barfuß zu laufen.  Gleichzeitig als Entspannung und Kräftigung für den unteren Laufapparat, also Fußgewölbe, Sehnen, Sprunggelenke…. Es fühlt sich wirklich toll an, nach anstrengenden 8Km (Tempoläufe, Intervalle) das Auslaufen barfüßig zu absolvieren.
In Ermangelung von saftigem Rasen in der Hamburger Innenstadt, muss ich dabei allerdings in Kauf nehmen, auf Gehwegen zu Laufen, was am Hamburger Hauptbahnhof wirklich vollste Aufmerksamkeit erfordert. Scherben sind hier nichts ungewöhnliches. Das ging einige Wochen gut und ich wurde immer zuversichtlicher, als es dann doch passiert ist…. ein fieser, winzigkleiner Glassplitter, den man wirklich nicht sehen konnte, hatte den Weg durch meine Ferse gefunden.
Das war kein großes Problem, ich habe den gleich abends wieder herausbekommen aber es war ein Warnschuss, um mir zu zeigen wie blöd die Idee ist, in einer Großstadt barfuß unterwegs zu sein, vor allem an urbanen Ballungszentrenten zweifelhafter Gestalten, wie einem Hauptbahnhof.

Die Antworten in dem Forum waren dann auch recht eindeutig. Tendenz: “Ja, ziemlich blöd”
Eine Antwort war allerdings dabei, die mich sofort wieder angefixt hat (Das geht verdammt schnell bei mir):

“Warum probierst Du nicht mal Laufsandalen aus”?

Da der passende Link zu recht günstigen Sanadalen gleich mitgeliefert wurde und das Bestellen im Internet ebenso leicht wie suchterregend ist, war ich bereits zwei Tage später Besitzer von etwas, das man nur als Gummilappen mit Schnürsenkeln bezeichnen kann (Siehe Artikelbild )
Zu dem Link komme ich nachher noch…

Die Schnürsenkel werden separat geliefert, so dass man sich seine Chalas erst zusammenbasteln muss. Die Sandalen kamen in einem netten Jutebeutel, samt bebilderter, deutschsprachiger Anleitung. Soweit so gut…

22.07.16

Ich war erstaunt, wie gut die Dinger am Fuß sitzen. Ob man darin allerdings wirklich Laufen kann…?
Nun, mein erster Test folge am nächsten Abend auf meiner Hausstrecke in Bargteheide, eine 8Km Runde, auf der ich vorsichtshalber noch normale Laufschuhe in meinem Laufrucksack mitgenommen habe… man kann ja nie wissen.
Die Sorge war unbegründet, das lief super. Anfangs dachte ich noch, dass das Bind zwischen den Zehen irgendwann unangenehm wehtun würde, weil ich es doch recht deutlich gespürt habe, aber komischerweise haben sich die Sandalen irgendwie zurechtgeruckelt und ich merkte das immer weniger.

nach einigen Kilometern fühlte sich das richtig gut an und ich gewann ebenso an Tempo wie an Vertrauen. Es war überhaupt kein Problem so zügig zu Laufen wie in Schuhen, ich war wirklich überrascht, wie gut das funktioniert und die gut acht Kilometer gingen mit einer Pace von rund 5:00 weg. Meine ersten Laufschritte habe ich mal verewigt:

Es patscht ein bisschen, aber das liegt daran, dass die Sohle doch sehr weich ist und ein Stück vom Fuß abklappt… Hier ist auch Vorsicht geboten, dass man nicht am Boden hängen bleibt:

Was wirklich einmalig ist und etwas GANZ Anderes als in Barfußschuhen, ist das beinahe perfekte Barfußgefühl. Keine Socken, die Füße an der frischen Luft, das ist überhaupt kein Vergleich zu meinen Vivo Barefoots. Noch dichter kommt man an echtes Barfußlaufen nicht ran, außer durch Barfußlaufen. DAS ist großartig, ganz ehrlich!

So und jetzt kommen wir zum komischen Teil…

…denn beflügelt durch meinen erfolgreichen ersten Lauf, habe ich die Sandalen auf meiner Alsterrunde eingesetzt und zwar ohne Laufschuhe im Rucksack. Ich Lief die Runde mit einem Arbeitskollegen, der zwar durchaus Verständnis für meine gelegentlichen Spleens hat, der aber -als er mich dann in den Dingern sah- ungläubig auf die Sandalen schaute und dann ganz trocken zu mir sagte:

“Warte noch kurz, ich hole mein Feigenblatt…”

Meine Frau fragte mich – als sie die Sandalen das erste mal sah – ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte und ob ich jetzt komplett durchdrehen würde. Ich erklärte ihr, wofür die seien und ich musste ihr umgehend beweisen, dass man darin überhaupt gehen, geschweige denn Laufen könne. Ich bewies es ihr, aber sie hält mich trotzdem für bekloppt. Gut dass es noch genügend andere Dinge gibt, für die sie mich liebt, sie hält diesen “Freakfaktor” also ganz gut aus.

Mit dem freundlichen Spott meines Kollegen kann ich also gut umgehen und so sind wir dann aufgebrochen…. Allerdings lief er dann doch ohne Feigenblatt.
Was nun folgte, war wirklich bizarr!

Jeder, wirklich jeder schaute auf meine Füße. Die einen versteckt, die anderen unverholen. Man sollte glauben, in einer Großstadt sind die Leute ganz Anderes gewohnt, aber diese Sandalen scheinen wirklich einen gewissen “Freakfaktor” zu haben. Da stupste eine junge Frau ihre Freundin an und nickte in Richtung meiner Füße, da stand ein junger Mann an der Ampel, der mich gelangweilt musterte, den Blick senkte, wieder hoch sah und -wie in einem Cartoon- ruckartig wieder auf meine Füße starrte…
mein Kollege nahm das stoisch hin…

Dann, endlich an der Alster zogen wir langsam die Pace an. Durch meinen ersten Lauf einige Tage zuvor, hatte ich das Vertrauen und zog ohne Probleme mit… Wir unterschritten eine Pace von 5 Min/ Km deutlich und gipfelten sogar in einem Kilometer mit 4:29.
Ganz am Ende war sogar ein Schlußsprint drin mit ca. 3:30

https://connect.garmin.com/modern/activity/1278346726

Auch entgegenkommende Fußgänger oder Läufer blieben auf der gesamten Strecke  oft mit ihrem Blick an meinen Füßen haften.
Es ist nicht so, dass ich das unbedingt toll finde, ich mache das schließlich nicht aus öffentlichkeitswirksamen Gründen, sondern für mich, aber es stört mich auch nicht. Belustigend ist es allemal…

Eine Warnung

Eines muss allerdings klar sein: Man hat in diesen Sandalen keinen Halt, keine Führung. Die Sohle schlabbert auch ein bisschen, so dass man schon einigermaßen sauber laufen muss, damit die Sohle vorne nicht am Boden hängen bleibt und umklappt. Mir ist das einmal passiert.
Was ich damit sagen will: Einfach mal Laufsandalen nutzen, ohne dass man vorher schon in Richtung
Barfußlauf bzw. Vorfußlauf trainiert hat, wird nicht zu einem “Aha Erlebnis” führen, sondern wahrscheinlich zu Frust.
Ich habe bereits einen Halbmarathon auf Schuhen mit so gut wie keiner Dämpfung und 0 mm Sprengung gelaufen und trainiere seit drei Jahren recht konsequent meinen Laufstil! Die Sandalen sind für mich wirklich nur als Schutz für die Fußsohlen gedacht und eben für gezielte Einheiten, nicht mehr als einmal die Woche.
An dieser Stelle ist auch mal der Link zu einem Artikel angebracht, der das Laufen in Minimalschuhen sehr kritisch betrachtet:

Wie gesund oder ungesund ist der Trend „Barfußschuhe“?

Man braucht Zeit dafür und die sollte man sich unbedingt nehmen, sonst ist die Verletzungsgefahr wirklich nicht gering.

Zum Abschluss noch ein paar Links

meine “Chalas” habe ich hier erworben:
http://www.voycontigo.de/
Guter Schop, der auch viele Erklärungen und Hintergrundinformationen liefert (Deutschsprachig)

ebenfalls gut im Geschäft und mit viel Informationen ausgestattet ist Xeroshoes, allerdings auf englisch:
http://xeroshoes.co.uk/ https://xeroshoes.com/
Der UK Shop ist nur ein Ableger des US shops. Hier muss man die Lieferkosten und Zeiten vergleichen, je nach Kurs.

Und dann gibt es noch den “Rolls Royce”
https://www.lunasandals.de/ bzw. https://lunasandals.com/

Die sind teuer, sollen aber auch wirklich für weit mehr als 1000 Km geeignet sein.

Diese Links sind nur zur Information, um den Einstieg ein bisschen zu erleichtern.
Ich stehe da auch erst am Anfang und habe selber noch nicht viel Erfahrung, das ist ja wohl deutlich geworden.

Ich finde das Thema auf jeden Fall sehr spannend und bleibe da ganz sicher dran.
Zu gegebener Zeit gibt es dann auch berichtenswertes hier zu lesen.

 

 

 

markus

markus

Wenn er nichts Besseres zu tun hat, geht er laufen, theoretisch also quasi immer. Nun hat er zwar praktisch kaum was Besseres zu tun, dummerweise aber verdammt viel Wichtigeres, so dass sich das Laufen auf 3x Wöchentlich und ca. 40km beschränkt...
markus

6 Kommentare auf “Auf den Spuren der Tarahumara – Laufen in Sandalen

  1. Hi Markus, Du sprichst mir mit Deinem Beitrag quasi aus dem Herzen. 😉 Wenn ich mit meinen Lunas mal in der Stadt unterwegs bin, sind die ungläubigen Blicke nicht zu übersehen. Dabei sehen die noch relativ “massiv” und professionell aus gegenüber den minimalen Chalas oder selbstgemachten Huaraches. An die habe ich mich am letzten Wochenende gewagt und bin vom Ergebnis doch sehr positiv überrascht. Wirklich laufen war ich damit allerdings noch nicht.

    Mich wundert, dass die Sandalen bei Dir so schlackern. Das ist bei mir bei keinem der Modelle der Fall. Tendenziell schnüre ich sie zuerst auf jeden Fall zu eng und lockere nach und nach bis alles stimmt. Nimmst Du vielleicht den umgekehrten Weg? Zum “Platschen” scheint ja die einhellige Meinung zu sein, dass das ein Indiz für mangelnde Lauftechnik ist… Vor allem dann, wenn die Geräusche schon bei kleineren Steigungen verschwinden. So war es bei mir auch und ist es immer noch manchmal. Aber dafür laufe ich ja gerade mit den Dingern: als Lauftechniktraining.

    Herzliche Grüße

    Thomas

    1. Moin Thomas,
      ja die Lunas scheinen vor allem wahnsinnig langlebig zu sein, haben aber auch eine entsprechend dickere Sohle… und waren mir für den ersten Test einfach zu teuer. Ich habe mir jetzt nochmal die -ebenfalls günstigen- Xero Amuri Venture bestellt. Die sind etwas weniger minimalistisch, haben aber so ein “Ready to wear” System. Na ja wir werden sehen…
      Was das Schlackern angeht. Wie gesagt nicht die Schnürung ist zu locker, sondern der Teil der Sohle, der noch vor dem Zehenloch ist, ist so weich, dass er wie ein Schnabel ein wenig vom Fuß nach unten abklappt.
      Du hast Recht, gerade das Lauftechniktraining ist absolut effektiv mit den Sandalen, weil man regelrecht gezwungen wird sensitiv und federnd aufzusetzen, aber das Platschen bekomme ich nicht weg und ich meine wirklich weich aufzusetzen.
      Aber… Es ist noch kein Sandalenmeister vom Himmel gefallen.

  2. Hi,

    ich habe seit diesem Sommer Vivobarefoot Eclipse Laufsandalen.
    Trag ich hauptsächlich in der Freizeit und ab und an zum Laufen.

    So schräg beäugt wurde ich damit noch nicht (oder es ist mir nicht aufgefallen).
    Wir können ja Freitag zusammen mit Sandalen Laufen…

    Aber wie mach ich dann meinen Alsterchip fest? Brauch ich Kabelbinder.

    Gruß,
    Jerome

  3. Hey Markus,
    dass deine Huaraches so laut sind, liegt glaube ich nicht an dir, sondern an den Chalas. Ich nehme mal an, dass das etwas mit der Dicke der Sohle oder präziser mit der Sohlenspannung zu tun hat. Die Sohlen von Luna Sandals bzw. Vibram federn nicht zurück und sind somit absolut leise. Aber das mit den 1.000 km Laufleistung ist leider nur ein Ammenmärchen. Früher war das mal so, aber da hat sich leider ziemlich viel in die falsche Richtung entwickelt. Ich finde es schon auffällig, dass meine neueren Modelle von Luna Sandals allesamt schon deutlich früher durchlöchert waren bzw. wären, wenn ich die Sohlen nicht mehrfach ausgebessert hätte. Außerdem hat die Firma m. E. einen fragwürdigen Weg eingeschlagen.

    Aber wie gesagt, mit deinem Laufstil hat das Platschen höchstwahrscheinlich nichts zu tun. Ich habe beim Alsterlauf auch mal einen Chalas-Läufer getroffen und den habe ich schon lange gehört, bevor er schließlich neben mir lief. Anschleichen kann man sich mit den Dingern wohl eher nicht. Bei mir erschrecken sich dagegen häufig Leute, wenn ich an ihnen vorbeilaufe, weil sie mich erst hören, wenn ich unmittelbar hinter ihnen bin. Also zumindest, wenn ich (noch) nicht schwer atme… 😛

    Beste Grüße
    Sascha

    1. Hallo Sascha,

      ich kann es jetzt bestätigen. Ich habe nun auch die Xeros in Betrieb genommen und die sind in der Tat leiser….
      Alles in Allem läuft es sich zusehends besser in Sandalen. Ich werde am 03.10. auch den Köhlbrandbrückenlauf in Sandalen laufen 🙂

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