Der letzte Lauf der Bramfelder Winterlaufserie als Vorbereitung

Ich habe mich spontan für den letzten Lauf der Bramfelder Winterlaufserie gemeldet, um eine Woche vor meinem Angriff auf die Sub 90 beim Halbmarathon im alten Land, ein Gefühl für meine Form zu bekommen. 40:40 haben mein Trainer und ich als Minimum festgesetzt, um genug Dampf im Kessel zu haben für die geforderte Pace von 4:15 am nächsten Wochenende.

40:40 Minuten für 10Km ist leicht zu rechen: 4:04 Min/Km

Das ist eine Ansage für mich, denn ich habe erstmals im Dezember 2016 die 20 Minuten geknackt auf der 5 Km Distanz. Jetzt also die doppelte Strecke mit gerade mal 4 Sekunden mehr Zeit  pro Kilometer. Aber so ist das eben, wenn die Luft dünn wird an der persönlichen Leistungsgrenze. Mit einem Mal fängt man an um Sekunden zu ringen.

Ich habe den Versuch bereits vor einem Monat unternommen, allerdings ohne Wettkampf, direkt aus dem Training und das habe ich nach 8 Kilometern abbrechen müssen, denn es fehlte einfach das Adrenalin, die Atmosphäre und die rettende Zielflagge. Immerhin…. die angestrebte Pace von 4:04 Min/Km ist mir bis dahin tatsächlich gelungen. 

Heute also der nächste Versuch und dieses mal auch mit den beiden Großbuchstaben: WK

 

Nass und kalt ist sozusagen “Wasserkühlung” und die ist ja bekanntlich effektiv

Schon vorher war klar, dass es wohl kein strahlendes Frühlingswetter geben wird, aber 2 Grad, viel Wind und Dauerregen war jetzt nicht das, worauf man sich so richtig freut.

Bei der Bramfelder Winterlaufserie ist das aber alles nicht so schlimm. Die Veranstaltung ist klein genug und dabei immer toll organisiert, so dass es für jeden ein trockenes Plätzchen in den Fluren der Schule am Gropiusring gibt, wo das Ganze immer stattfindet. BMS Chipzeitnahme, Umkleidebereiche, Brutto/Nettozeiten, heißer Zitronentee, Kaffee, Klamottenabgabe… was man hier für 9€ plus 3€ für einen Leihchip geboten bekommt, ist wirklich aller Ehren wert! Danke an dieser Stelle an die Veranstalter und die Helfer!

So war denn auch der einzige (winzigkleine) Wermutstropfen, der um 2 Minuten verzögerte Start, was aber erst 10 Sekunden vor dem eigentlich geplanten Startschuss bekannt gegeben wurde. Grund waren kleine, technische Probleme mit der Stromversorgung. Wie gesagt, blöd daran war nur, dass man sich gerade in die Reihe gestellt und die Regensachen vorher ausgezogen hatte. Wenn man dann denkt, es geht los und statt des Countdowns kommt ein gar fröhliches :“Hallo Leute, ich hoffe Ihr seid alle gut drauf, 2 Minütchen dauert es leider noch….”

…Nun, dann kann man das leicht genervte “Boahhhh” Raunen zumindest verstehen, dass durch die Menge ging 🙂

Die Strecke ist mir bereits aus dem Oktober 2014 bekannt, da habe ich mein Halbmarathon Debüt gegeben. Es geht ordentlich um die Ecken, Bürgersteige wechseln mit Sandwegen, hier und da muss man auch mal einen Kantstein rauf oder runter, also eine optimale Streckenführung wie bei einem der großen Straßenrennen geht anders. dieser “Rundkurs” ist 5 Kilometer lang und es steht einem frei, eine, zwei, drei oder gar vier Runden zu laufen. Heute kam noch ein Baustellenbereich dazu, den die Bauarbeiter auf Bitten der Veranstalter aber toll planiert haben, so dass das nur ein kleines Handicap darstellte. Auch dafür nochmal Chapeau an die Bauarbeiter!

 

Bramfelder Winterlaufserie - Streckenverlauf
Bramfelder Winterlaufserie – Streckenverlauf

 

START (Und ab hier in der Gegenwartsform)

2 Minuten im Regen stehen, alles scharrt mit den Hufen. Sämtliche Läufer für alle Distanzen starten zur selben Zeit, insgesamt aber nur knapp 700, also wirklich überschaubar. Ich verliere nicht viel Zeit und ist auch egal, wir haben ja Nettozeitnahme, das ist immer sehr entstressend…

Es regnet wie die Sau, immerhin sind die ersten 800m auf dem Bürgersteig, ein erster Blick auf die Uhr….. 3:48, ja ne, is klar…. runter vom Gas Du Idiot, überpacen ist das Letzte was Du jetzt brauchst… Nach 800m dann die erwähnte Baustelle. Durchkommen kein Problem, der Sand ist wirklich toll fest und glatt, hier lasse ich keine Zeit liegen, aber warm ist mir noch nicht, dafür bin ich schon gut nass, na toll…

KILOMETER 1 GESCHAFFT – 3:58

Ui, das ist zu schnell… etwas mehr Ruhe bitte, Atmung läuft ruhig, Beine tun was sie sollen, aber es fühlt sich alles noch nach dem Kaltstart an, der es auch war. Die zwei Runden auf der Sportbahn, die ich mir zum Einlaufen im Regen gegeben habe, wurden von den überflüssigen 2 Minuten im Regen stehen wieder aufgefressen, denn ich laufe nicht mit Regenjacke und langen Tights, sondern nur mit einem leichten Langarmshirt über dem Singlet und ¾ Tights. Egal, läuft….

KILOMETER 2 GESCHAFFT – 4:03

Ich fange sofort an zu rechnen… 6 Sekunden aus dem ersten Kilometer, 1 Sekunde aus dem zweiten…. ok, 7 Sekunden schneller als die Durchschnittspace von 4:04. Ich weiß ja nicht wie es Euch geht, aber ich hasse es einfach einer Pace hinterher zu laufen, ich denke oft, das wäre die schlauere Variante, um mit der Restpower, dann wieder ins Rennen zu kommen nach hinten raus, aber ich kann es einfach nicht. Diese 7 Sekunden fühlen sich gut an, wahrscheinlich muss ich sie eh wieder hergeben. Wir haben jetzt die ersten scharfen Biegungen hinter uns und laufen auf dem Sandweg um den Bramfelder See. Viele Pfützen, aber nicht so viele, dass man nicht ausweichen könnte. Ich atme jetzt lauter, aber immer noch ruhig…. die Vorstellung das noch über 7 Kilometer durchziehen zu wollen, nötigt mit das erste Mal Respekt ab, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es auf keinen Fall was werden wird.

KILOMETER 3 GESCHAFFT – 4:03

So, nu bin ich echt nass, aber auch endlich warm. 4:03 passt. Genau auf Kurs, sogar einen Hauch schneller und nun schon 8 Sekunden Puffer. Mit solchen Rechenspielchen halte ich meinen Kopf frisch. Es läuft jetzt rund und ich finde in den Lauf. Pitsch, patsch immer an den Pfützen vorbei. Der Eine oder Andere zieht an mir vorbei, aber ich bin auch einer von den “Vorbeiziehern” das ist eh nichts, worauf ich wirklich achte, wozu auch…. das wird erst kurz vorm Ziel interessant.

Jetzt kommt die Spitze des Bramfelder Sees. Hier geht es in einem großen “U” um die schlankste Stelle herum und man kann sich aussuchen, ob man Pfütze, Kantstein, oder Bäume umkurven möchte. Ich entscheide mich für den Kantstein und spare 2-3 Meter.

KILOMETER 4 GESCHAFFT – 4:00

Woho…. 12 Sekunden auf der Haben Seite, gut aber auch beängstigend. Scheissegal, die Beine sagen das geht… Wir verlassen nun wieder den See und die erste Runde ist fast geschafft. Atmung ist noch lauter geworden, aber immer noch ruhig und im gewohnten 2er Rythmus. Der Regen ist kein Problem mehr, im Gegenteil so langsam hilft er sogar beim Runterkühlen. Da isser, der Zeilbereich, zweimal scharf  links und dann geht es das erste Mal über die Matte… Die Zeitnahme sagt 20:20 oder so… Hää? Müsste das nicht weniger sein? … ach ja, ist ja Brutto!

KILOMETER 5 GESCHAFFT – 4:06

Alles klar, nur noch 10 Sekunden, aber dieses Hickhack beim Start/Ziel ist immer etwas nervig. Die Tatsache, dass ich jetzt im selben Renntempo nochmal ganz da rum soll zwickt mich, aber irgendwas in mir sagt, dass ich es laufen lassen soll. Ich fange an mir zu vertrauen. Die Atmung ist jetzt etwas schneller. Ich habe mittlerweile keine Probleme mehr damit “out of sync” zu atmen. Ich ziehe einfach so viel Luft, wie ich gerade brauche. Es gibt da noch diesen “alle Eineinhalb Schritte” Rythmus für die Endphase, aber das ist aktuell noch zu hektisch, das fühlt sich noch falsch an.

KILOMETER 6 GESCHAFFT – 4:00

Meine Fresse…. 14 Sekunden im Plus, so langsam glaube ich daran, mir sicher sein zu dürfen, dass ich die 40:40 im Sack habe, ich könnte mir ab hier schon durchgehend eine 4:07 leisten. guuuutes Gefühl, aber es wird jetzt auch langsam hart. Die Beine sind super, aber die Atmung wird langsam aber sicher immer noch ein wenig lauter. Komisch, die anderen höre ich nie atmen, während mir schon mal gesagt wurde, dass ich immer klinge, als würde ich gleich aufgeben. Taktisch gesehen kann das mal interessant werden bei einem Zweikampf um die Plätze…. jemanden in falscher Sicherheit zu wiegen, weil er denkt, er hat mich im Sack und der dann stattdessen eine bedrohlich defekt klingende, aber zu allem entschlossene Dampflokomotive im Nacken hat, die vielleicht auch noch hartnäckig näher kommt…  das nennt man wohl “Taktische Atmung”  hähä…

KILOMETER 7 GESCHAFFT – 4:02

16 Sekunden, ist das zu fassen. 16 durch 3… das sind tütüüüü, Moment…. so ungefähr gute 5 Sekunden, ich könnte also ab hier mit 4:09 weiter…. nenenene, das geht noch mit Vollgas. 3 Kilometer sind nur noch 16 Minuten verdammt! 16 Minuten Härte für den absoluten persönlichen Triumph.  Boah… die Pfützen werden größer, ausweichen ist mir jetzt auch zu anstrengend. Von hier an nur noch direkte Wege, wie ein wütendes Rhinozeros!

 

KILOMETER 8 GESCHAFFT – 4:05

15 Sekunden, aber noch 2 verfickte Kilometer. Das hier ist der Punkt, wo ich vor einem Monat aufgegeben habe. Dieses Mal NICHT , heute NICHT! Atemryhtmus jetzt alle Eineinhalb Schritte, jetzt passt nun zur benötigten Luftmenge. Ab jetzt ist das wie  Schach zu spielen gegen sich selber. Der Körper meldet einem “Schach” und der Kopf muss dagegen halten und einen Ausweg finden. Es ist jetzt nur noch die Frage, ob man sich selber besiegt, oder gegen sich selber gewinnt… irgendwie paradox, dabei doch so einfach. Nämlich einfach nicht drauf hören, was ich mir so ins Innenohr labere und dabei weiterlaufen… Aua

KILOMETER 9 GESCHAFFT – 3:58

IN YOUR FACE – 21 Sekunden im Plus…. das ist der Stoff, aus dem Trainingsfortschritt besteht! Der zweite Kilometer, den ich sub4 laufe und das ist der vorletzte des Rennens. Das habe ich in dieser Form das erste Mal im vergangenen September erlebt, und zwar beim PSD Halbmarathon, der in meine bisherige Bestzeit von 1:31 gemündet hat. Das war mein vierter Halbmarathon seit ich laufe, aber der erste, bei dem ich das Gefühl hatte, den Lauf unter Kontrolle zu haben und nicht die letzten vier Kilometer ins Ziel zu sterben. So auch heute…. ich bin platt, wirklich. Einen Trainingslauf hätte ich jetzt ggf. beendet, wenn ich überhaupt bis hierher gekommen wäre aber die letzten paar Hundert Meter…. die müssen gehen, sie müssen einfach!

Ich höre ein stapfen hinter mir, jemand will vorbei, mit allem was er hat, aber ich kann tatsächlich dagegen halten. Ich weiß nicht wer das ist, jünger, älter, Mann, Frau…. ist mir auch egal, die oder der kommt nicht vorbei, ich will es einfach nicht und die einfache Tatsache, dass ich mich noch wehren kann, gibt mir weiteren Antrieb.

Jetzt endlich, die beiden Linkskurven vorm Ziel sind in Sicht. Ich höre die Musik, ich sehe zwischen den kahlen Bäumen das Ziel durchblitzen… ich sehe… das Ziel und laufe durch bei 40:29!

KILOMETER 10 GESCHAFFT – 4:01

Ganz kurz wundere ich mich. Meine Uhr sagt 40:18 und das würde fast perfekt auf meine Kopfrechnung passen, aber dann fällt mir ein, dass die Strecke ja ein bisschen länger ist und außerdem ja die Bruttozeit in der Zeitanzeige läuft… ungläubig realisiere ich:

40:18 –  Das passt 

Gut 20 Sekunden schneller als erhofft, und das bei Matsch, Regen und rutschigen Sandwegen…. Ich bin echt glücklich und kann schon nach einer Minute fett grinsen.

Hier die komplette Laufauswertung: https://runalyze.com/shared/19qhd

Zum Abschluss noch zwei Grüße

Ich habe noch zwei “Bekannte” getroffen. “Bekannte” deswegen in Anführungszeichen, weil ich sie eigentlich nur aus meinem Stammforum kenne, seither aber nun schon mehrfach auf Laufveranstaltungen in Hamburg “in echt” gesehen habe. Vor dem Lauf “Ruca” und nach dem Lauf Thorsten “Todmirror”. Mit ersterem habe ich die ganze Warterei in den Gängen der Schule verbracht und mit Zweiterem zumindest noch einen kurzen aber sehr netten Händedruck ausgetauscht. Internet goes Reallife… ich mag das! 🙂

War toll Euch getroffen zu haben Jungs !

Der Halbmarathon nächste Woche kann auf jeden Fall kommen…

 

 

markus

markus

Wenn er nichts Besseres zu tun hat, geht er laufen, theoretisch also quasi immer. Nun hat er zwar praktisch kaum was Besseres zu tun, dummerweise aber verdammt viel Wichtigeres, so dass sich das Laufen auf 3x Wöchentlich und ca. 40km beschränkt...
markus

3 Kommentare auf “Bramfelder Winterlaufserie 19.03.2017 – Nass und kalt aber…

  1. Moin Markus, auch hier noch einmal herzlichen Glückwunsch – zum Wahnsinnsergebnis aber vor allem auch zum schönen Bericht. Ich habe mich auch sehr gefreut, als ich Dich nach meinem Zieldurchlauf erspähen konnte.

    Bis nächstes Mal

    Herzliche Grüße

    Torsten

  2. Sehr cooler Bericht und eine mehr als beeindruckende Leistung die du gezeigt hast. War das erst mal beim diesen Lauf dabei und fand ihn richtig klasse, bis auf das besagte Wetter was bei 20Km noch viel weniger Spaß gemacht hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.