93 Sekunden…

Heute soll es nun endlich soweit sein: Hauptwettkampftag beim Halbmarathon im Alten Land. Hinter mir liegt ein 12 Wochen Trainingsplan, den ich – wie immer in letzter Zeit – von meinem „Internet Trainer“ erhalten habe.
Holger ist eine Bekanntschaft aus der Community der Runners World und hat sich vor zwei Jahren bereit erklärt, mir einen Plan zu schreiben. Das klappte so gut, dass wir das einfach beibehalten haben und seither laufe ich eine persönliche Bestzeit nach der Anderen:

Meine bisherigen Halbmarathons

2014 – 1:41 (Ohne Plan)
2015 – 1:39 (Ohne Plan)
2015 – 1:36 (Mit Plan von Holger)
2016 – 1:33 (Mit Plan von Holger)
2016 – 1:31 (Mit Plan von Holger)

Meine bisherige Bestzeit stammt aus dem September 2016 und war eine 1:31:32.
Die Kampfansage für den heutigen Lauf lautete von Anfang an: Halbmarathon in Sub90, also langsamstenfalls 1:29:59

Es gilt heute also 93 Sekunden rauszulaufen!

Den Trainingsplan habe ich ohne Ausfälle absolviert, den Vorwettkampf (10Km) letzte Woche mit Bestzeit gelaufen, trotz Regen (40:20) und nun auch noch gutes Wetter. Das MUSS klappen ! Etwas Anderes lasse ich nicht zu!

Der Wettkampf im alten Land ist…. niedlich.

( http://www.lghnf.de/html/hamburger_halbmarathon.htm)

Das „Alte Land“ ist ein recht großer Bereich, südlich der Elbe unterhalb von Hamburg. Es ist das größte Apfelanbaugebiet in der Bundesrepublik und im Frühjahr zur Apfelblüte so unverschämt schön, dass einem die Worte fehlen. Leider ist der heutige Lauf noch zu früh im Jahr, um diese Pracht schon genießen zu können. An dieser Stelle kann ich Jedem nur einen Abstecher dorthin empfehlen zur richtigen Zeit!
Die Veranstaltung an sich ist ganz klein, mit gerade mal gut 200 Startern über die Halbmarathondistanz und noch viel weniger über die ebenfalls angebotenen 5Km oder 10Km. Auch gibt es keine Chip Zeitnahme, sondern nur Handstoppung, aber durch die geringe Teilnehmerzahl ist das überhaupt kein Problem.

Ein größeres Problem stellt da schon das große Geschäft dar, dass nicht nur ich gerne noch erledigen würde…. Aber das eine WC Schild, dass ausgewiesen ist (Und das auch nur zu einer winzigen Toilette führt) hat die Funktion eines Fliegenfängers und sorgt für eine große Schlange vor dem Herrenklo. Die ist länger als bei den Damen, das ist schon etwas surreal…

…egal, erledigt und der Rest läuft auch rund. Genug Platz in der Turnhalle, gute Stimmung und so langsam traben wir in Richtung Start. Dieser ist markiert durch ein großes Transparent, welches an einem Gartenzaun gespannt ist und einen Kreidestrich mitten auf der Fahrbahn in einer verkehrsberuhigten Wohnstraße. Kein Aufgeblasenes Start Tor, keine Gasse mit Sensorischen Gummimatten, keine Verkaufsstände, keine Absperrungen, keine Soundanlage, keine Musik, keine Uhr, die die Laufzeit anzeigt….
…Fehlt auch nich, kein Stück. Die Läufer stehen halt auf der Straße und die paar Zuschauer auf dem Gehsteig. Irgendwie wäre alles Andere Fehl am Platze.

Man schnackt noch ein bisschen mit einigen Läufer/innen, hört sich die einzige Ansage an vom Veranstalter, der sehr laut sprechen kann… muss er auch ohne Megaphon oder Lautsprecherunterstützung. Die Ansage beschränkt sich im wesentlichen auf den Hinweis, dass es zwar Streckenposten an den zwei Stellen gibt, an denen man eine Straße queren muss, diese den Verkehr aber nur verlangsamen dürfen, nicht aber die Streckenabschnitte wirklich sperren. Später hat sich herausgestellt, dass das wirklich kein Problem war, es gab nämlich schlicht keinen Verkehr, den man hätte verlangsamen müssen. Fast hätte man sich ein paar Autos gewünscht, damit die netten Helfer auch was zu tun bekommen…

 

START (Wie immer aus der 1st Person Shooter Perspektive)

 

ERSTES DRITTEL

“Lauf nicht zu schnell los, nicht, dass der erste Kilometer mit 4:00 weggeht und Du überpaced” …hat Farhad gesagt. Also schaue ich das erste Mal auf die Uhr nach 200 Metern: 3:48 ! SCHEISSE !! GAS RAUS !!!

Das tue ich auch. Der Start war völlig entspannt. Ich habe mich direkt in die erste Reihe gestellt und nur die richtigen Heißsporne haben sich noch davor gedrängt, das ist auch OK gewesen, den Einen hatte ich noch gefragt, was er laufen will und seine Antwort war: 1:15

Trotzdem habe ich mich vom Sog der ersten Welle mitreißen lassen und nehme sofort Fahrt raus. Ich habe das gar nicht bemerkt. Der erste Kilometer steht noch ganz im Zeichen des Einpegelns und ist mit 4:06 eigentlich deutlich zu schnell.

…Allerdings laufen die nächsten Kilometer alle zwischen 4:10 und 4:08, das hat sich so ergeben und fühlt sich…. äh…. gut an. Jaja, es ist kein 10er den ich hier laufe, sondern ein verdammter Halbmarathon, aber… äh… es fühlt sich richtig an. Ich hänge mich an eine Dreiergruppe, die mir gut gefällt. Alle scheinen auf ihre Pace zu achten und laufen konstante Zeiten und es ist eine Frau dabei ^^. Fazinierend ist ihr Laufstil… Vorfuß in extremer Ausprägung, ohne mit der Ferse den Boden zu berühren. Lautlos wie ein Indianer, vor allem weil einer aus der Dreiergruppe im krassen Gegensatz dazu patscht, als wäre Donald Duck in Taucherflossen unterwegs.

Die Strecke geht seit Kilometern über einen asphaltierten Wanderweg mitten durch die Landschaft. Leider noch nix Grünes, aber freundlich, mir gefällts.

Die ersten 7 Kilometer habe ich also einen Schnitt von 4:09, oha…

 

ZWEITES DRITTEL

wir müssen einmal über eine Straße und laufen nun auf einem Bürgersteig. Die Pace ist nach wie vor stabil bei 4:10 und als ich zufällig bei 7,33 Kilometern auf die Uhr schaue, bin ich so gerade noch unter 30 Minuten. Damit ist es das zweite Mal, dass ich die Alsterrundendistanz in unter 30 Minuten gelaufen bin…. und das auch noch während eines Halbmarathons. Bruce Willis’s „Yippieiyeah Schweinebacke” wechselt sich in meinem Kopf ab mit Samson’s “Uiuiuiuiuiui” und das im Takt der Drehscheiben eines einarmigen Banditen.

Bei 9,5 Kilometer kommen mir die ersten beiden Läufer bereits wieder entgegen (Die Wendemarke ist bei 10,5 Kilometern) , haben also satte 2 Kilometer Vorsprung. Das sind bei deren Pace schon knapp 7 Minuten. WOW! Ich klatsche ihnen Beifall, während sie mich passieren und die anderen in meiner Gruppe fallen mit ein. Ich LIEBE Laufen, das sind einfach die kleinen Dinge, die diesen Sport so toll machen.

Wendemarke, umdrehen und das Ganze Retour… bei 11 Kilometern schmeisse ich ein Gel ein (Später werde ich auf den Gedanken kommen, dass das eventuell ein Fehler war)

Profilaktisch sollte das sein, für Dampf im Kessel auf den letzten Kilometern… Aber das blöde Ding ging nicht auf, dann ist mir die Hälfte über die Hand gekleckert und das Trinken hat mich dann endgültig aus dem Rythmus gebracht. Die Pace ist nicht eingebrochen, aber das hat irgendwas gekostet, ich weiß noch nicht so genau was.

Kilometer 13 und bis hierhin geht es immer noch verdächtig gut. Ich denke das erste Mal daran, dass ich den Lauf so nach Hause bringe. Die Kilometer 11 und 12 habe ich sogar mit 4:05 und 4:06 gestoppt.

Dann beende ich Kilometer 14 mit 4:08 und SCHLAGARTIG wird es schwer, quasi als direkte Bestrafung für meinen Hochmut, hat mich der Gott des Laufens auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ich spüre sehr, sehr deutlich, dass JETZT das Rennen erst anfängt. Samson hat jetzt die Oberhand errungen: “Uiuiuiuiuiuiui

 

LETZTES DRITTEL

NOCH bin ich in meinem Viererpulk unterwegs, doch jetzt habe ich die Lokomotive rausgeholt, die ich schon in meinem 10er Laufbericht von letzter Woche erwähnte.

Doch während ich dort noch von der Nutzung meiner Lokomotivenatmung als psychologische Zermürbungstaktik schwadronierte, ist hier nix mehr mit Taktik, mir gehts zusehends schlechter. Irgendwie halte ich Kilometer 15, 16 und 17 noch die Pace, dann strecke ich die Waffen, besser gesagt meine Waden tun das. Die fangen beide an zu krampfen. Die Kombination ist in Verbindung mit meinem Erschöpfungszustand nicht gut, ich bekomme ein bisschen Angst, dass die Dinger völlig dicht machen.  Ich habe einen solchen Vorsprung heraus gelaufen, dass ich es mir leisten kann, während einer kurzen Gehpause mal in Ruhe etwas zu trinken. Ich habe heute tatsächlich einen Gürtel mit zwei kleinen Fläschchen dabei. Darin ist nur ganz leicht gesalzenes Wasser und es ist herrlich, sich damit den Mund auszuspülen und zwei, drei kleine Schlücken zu nehmen… Jetzt weiter. Ich komme wieder in die Pace um und bei 4:10 und vollende so den Kilometer trotz Pause mit 4:37…. Die Waden sind beleidigt, machen aber weiter mit.

Wieder eine kurze Geh- und Trinkpause… nächstes Fläschchen… wieder antraben. Die paar Sekunden bringen den Puls ein wenig in Ordnung. Kilometer 19 -trotz Pause- wieder 4:24

Die Vierergruppe ist gar nicht soooo weit weg und einer von denen bricht ein… der mit dem Donald Duck Schritt… Ich komme näher und schaffe es tatsächlich während des Kilometer 20 an ihm vorbei zu sterben…. 4:11 …. BAMM… aber jetzt ist es auch vorbei. Die Waden melden sich mit brachialer Gewalt zurück. 1000 verkackte Meter noch und ich bin am Ende. Ich drehe mich kurz um…. 50m Vorsprung auf Donald…. ich falle aus dem Lauf und gehe abermals…. nur noch einmal… ganz kurz…. versprochen… Aua… ok, beim Gehen beruhigen sich die Waden wie gehabt, nur Laufen wollen sie nicht mehr. Donald kommt, er wittert Morgenluft und ich schrecke auf und trabe an. Ich habe die ganze Zeit die Uhr im Blick gehabt. Die Sub90 ist nie in Gefahr gewesen, ich könnte jetzt mit 6:30er Schlappschritt ins Ziel und hätte es immer noch im Sack, aber ich will Donald nicht mehr vorbei lassen, und wenn ich auf den Händen ins Ziel laufe und als ich wieder antrabe…. und davon ziehe, weiß ich was er jetzt denkt…. ich sehe das Ziel und gebe nochmal alles. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, das eine Sub89 immer noch im Bereich des Möglichen liegt. Jetzt klingen auch meine Schritte wie von einem Einwohner aus Entenhausen, denn über den Vorfuß geht es nicht mehr, ich patsche irgendwie die Füße auf den Boden, immer den Weg des geringsten Wadenwiederdstandes wählend, das macht aber nichts, weil bei der Lokomotive nun auch der Kessel geplatzt ist, das übertönt alles und so laufe ich bei 1:29:00 über die Ziellinie…

…haha wie geil, bei meinem nächsten HM brauche ich nur EXAKT EINE SEKUNDE heraus zu holen für den nächsten Meilenstein.

Und was die 93 Sekunden anbelangt… Pah, Kinderkram, 152 Sekunden sag ich nur…. Bruce obsiegt : „Yippieiyeah Schweinebacke“ !!!

DANACH…

…Das Mädel aus meinem Viererpulk kommt auf mich zu und wir gratulieren uns.

“Oh Gott” sagt sie… “Ich habe Dich atmen gehört und habe richtig mitgelitten”

Ich grinse sie an “Alles nur Taktik…. ”  Sie schaut mich an, zögert kurz… und dann sieht sie in meinen Augen wie ich das meine….und grinst noch fetter als ich. Platt aber glücklich, nix Taktik.

Dann sehe ich noch einen der ganz schnellen Typen, die mir bei Km 9,5 entgegen kamen und habe ihn nach seiner Zeit gefragt: 1:14 !!! 

Ganz zum Schluss dann noch ein Aufreger:

Ich gehe zu meinem Auto… und bin eingeparkt. Auf einem riesengroßen Schulgelände hat es jemand fertig gebracht, in dritter Reihe direkt hinter mir zu parken.

Eine halbe Stunde musste ich warten, bis die Autos links und rechts von mir wegfuhren, dann konnte ich da endlich rauszirkeln.

Ich habe am Auto noch einen Zettel an der Windschutzscheibe hinterlassen:

“Danke fürs Zuparken, Arschloch”
Aber ich gebe zu: Auch dabei habe ich noch gegrinst, denn meine Laune war einfach zu gut 🙂

markus

markus

Wenn er nichts Besseres zu tun hat, geht er laufen, theoretisch also quasi immer. Nun hat er zwar praktisch kaum was Besseres zu tun, dummerweise aber verdammt viel Wichtigeres, so dass sich das Laufen auf 3x Wöchentlich und ca. 40km beschränkt...
markus
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2 Kommentare auf “Halbmarathon im Alten Land 2017 – Jagd auf 93 Sekunden

  1. Hey super interessanter Bericht,
    eine Frage hätte ich: In welchen Schuhen bist du denn gelaufen?

    Gruß Jonathan

    1. Hallo Jonathan,

      ich bin in Salming Speed gelaufen. Sehr gute Rennsemmeln 🙂
      und danke !

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