ich laufe nun seit zweieinhalb Jahren und hatte die ganze Zeit als Fernziel einen Marathon im Blick. In ganz jungen Jahren habe ich das nie hinbekommen. Die Gründe dafür könnte ich jetzt umfangreich ausbreiten, letztendlich laufen die aber alle auf eins hinaus: Ich hatte nie den Biss dazu und dann findet man immer genug, was einen davon abhält.
Da ich einen Marathon  nicht irgendwie durchsterben  wollte, sondern schon den Anspruch habe, wenn, dann auch im Bereich des maximal Möglichen zu landen, also möglichst in direkter Linie zu den Zeiten meiner Unterdistanzen, habe ich mich so akribisch vorbereitet, wie mein Alltag es mir gestattet hat.
Nun habe ich meine bisherige „Laufkarriere“ tatsächlich mit dem Haspa Marathon 2016 gekrönt. Ich kann nur sagen: Aua aber geil!

Lest nun meinen Laufbericht zu diesem genialen Erlebnis…

Als Erstes also nur mal eine kurze Zusammenfassung des Laufes:

Kilometer 1-5:  Langsam einpegeln, alles easy
Kilometer 6-18:  Schnell und leicht, die besten Kilometer
Kilometer 19-30: Kopf sagt:  „Ähmm entschuldigung, da kommen NOCH 12“
Kilometer 31-35: Der Spaß ist vorbei, Besuch vom Hammermann
Kilometer 36-Ziel:

schlimm, schlimm, SCHLIMM

Haspa Marathon 2016 - Foto gekauft von http://marathon-photos.com

 Freude, Freude, FREUDE  

 

Laufbericht – Haspa Marathon 2016 – heute mal im Präsens

Kilometer 1-5:  Ich stehe im Startblock, ich stehe wirklich im Startblock. Um mich herum fröhliche, erwartungsvolle und bibbernde Gesichter. Es ist recht kühl und ich bin erstaunt wie sehr meine dünne Plastikplane hilft. Die olle Wegwerfjacke, die ich mir am Vorabend noch rausgelegt hatte, habe ich tatsächlich zu Hause liegen lassen, typisch! Aber die Plane ist echt gut. Minutenlang stehe ich hier jetzt schon und scharre mit den Hufen. Ich denke an hinterher, an die Badewanne, an die Treppenstufen zur U-Bahn, an das (hoffentlich) geile Gefühl es geschafft zu haben…. Dann ist es soweit STARTSCHUSS, die Aufregung um mich herum nimmt zu und potenziert sich mit meiner Eigenen. Eine süchtig machende Mischung aus Angst, Erwartung und Angriffslust.
Ich laufe! Ich rufe sogar “ICH LAUFE” kein Witz. Voll ist es. Sogar ziemlich voll, der allererste erste Kilometer geht mit 5:20 weg oder so, keine Chance, irgendwo vorbei zu kommen, macht aber nix, ich habe ja einen Plan. Ok, drei Kilometer später geht’s langsam schneller…. “langsam schneller” ein schönes Oxymoron, fast genau so gut wie “Nach dem Bund hatte ich noch lange kurze Haare” Schon komisch was man so denkt, während man läuft…..
…Na ja, hauptsache läuft und es läuft….

Kilometer 6-18:  Ich habe das Läufer Zen erreicht. Ich laufe nicht, ich schwebe, nichts tut weh, alles macht Spaß. Überall stehen Leute und sind gut drauf. Die Pace wird ganz von alleine schneller, ich muss gar nix machen. Von Links tippt mich jemand an… Haha, gibs ja nich, eine Bekannte aus meinem Crossfitkurs: “Welche Zielzeit?” rufe ich ihr zu “3:30” sagt sie, “Cool, ich auch” sage ich und ziehe langsam von dannen… gar nicht bewusst, mein Lauftempo hat sich komplett eingepegelt bei derzeit 4:40
Jetzt kommt ein ABSOLUTER KNALLER, Dieter Bohlen würde sagen “Gänsehautfeeling pur”
Wir laufen durch den Tunnel, der unter dem Hauptbahnhof durchführt, rechts sind in regelmäßigen Abständen fette Lautsprecher aufgebaut, den ganzen Tunnel hindurch. Es läuft das Rocky Theme, hunderte von Läufern mit mir im Tunnel, hinter mir fangen ein paar Läufer an rythmisch zu klatschen, das Klatschen macht die Welle nach vorne, holt mich ein, ich klatsche mit, es hüllt mich ein und überholt mich bis ganz nach vorne…
Gefühlt 1000 Läufer klatschen im Tunnel zum Rocky Theme…. Leute ohne Worte! Das werde ich niemals vergessen, In diesem Moment lebe ich um zu Laufen !

Kilometer 19-30: Erstes Gel bei Kilometer 19 bäh…. kurze Zeit später passiere ich die Halbmarathon Marke, die Uhr zeigt 1:41:irgendwas, ich fühle mich noch recht gut, denke aber zum ersten mal bewusst daran, dass es ab jetzt wohl nicht mehr so leicht bleiben wird. Moment mal… 1:41:irgendwas? Das war meine Halbmarathonzeit bei meinem ersten Wettkampf im Oktober 2014. Da war ich stolz wie Bolle und völlig am Ende. Das ist 18 Monate her und jetzt ist das meine Zwischenzeit…. wie krass ein Körper sich verbessern kann, is ja irre. Ich bekomme ein wenig Schiss vor meiner eigenen Courage, aber es nützt ja nix, weiter gehts. Bei Kilometer 25 gibts das zweite Gel, ganz nach Plan, schmeckt genauso ätzend wie immer das Zeug… So jetzt kommt gleich Kilometer 26, da steht meine alte Band (Deren Frontmann ich mal war) an der Strecke und spielt live! Hä? Wieso höre ich die schon? Die sind noch mindestens 300m weit weg… okaaay….. die meinen das ernst. Da sind sie ! Die Verrückten stehen direkt am Rand und beschallen den Stadtteil, ich juble ihnen zu und sie erkennen mich auch.

Reichlich lustige Fotos gibts hier: Fotogallerie
Wer bei Facebook ist, kann ja mal hier schauen: Facebookseite
Wer da nicht ist klickt eben hier: ACHTUNG Punkrock mit KNUP
KNUP sollte man übrigens unbedingt mal rückwärts lesen…

Da steht meine Familie bei Km 30, GEIL ! Meine Kinder schreien, meine Frau schreit, meine Mutter schreit, ich schreie…. ich laufe kurz zu meinen Kindern halte an und klatsche ab “Papa, Du musst doch weiterrennen” schreit mein Kleiner mich an…. und weiter gehts… das letzte Mal mit einem Grinsen im Gesicht, wie sich ab dem nächsten Kilometer herausstellen wird…

Kilometer 31-35: Kurz nach dem Treffen mit meiner Familie ist der Spaß endgültig vorbei. Wäre das Rennen jetzt zuende, wäre alles toll, aber 12 Kilometer noch… Aua. Ich würge mir das letzte Gel rein in der Hoffnung, dass ein Wunder passiert. Das passiert auch: Mir wird davon immerhin nicht schlecht, aber das ist auch alles. Die Beine sind am Ende, die Puste erstaunlicherweise nicht, auch eine Erfahrung. Irgendwie rette ich mich zur 35er Marke und damit fängt der Alptraum an…

Kilometer 36-Ziel: Schlagartig werden die Beine komplett unwillig. Immer wieder fangen beide Waden an zu krampfen, ich habe jetzt ständig Durst (Ach Du Scheisse, was wissen wir über Durst? Richtig, wenn er da ist, ist es zu spät) Ab hier nehme ich jedenGetränkeservice mit incl. kurzer Gehpausen beim Trinken. Ich kann nur noch an Wasser denken und daran, dass das Ziel noch so verdammt weit weg ist. Ich schaffe es immer wieder die Pace auf sub5 Minuten zu bekommen, aber die kurzen Gehpausen werden das auf der Auswertung später unsichtbar machen. Eine Frau ruft mir vom Rand zu: “Markus, das geht schneller !!! “ Ich schreie sie an: “Machs doch besser DU SCHLAMPE !!!”
Gottseidank habe ich das nur gedacht, allerdings so laut, dass es gut sein kann, dass sie es trotzdem gehört hat.
Trotzdem, das Publikum nervt mit einem Mal, ich will dass es weg ist, ich will dass es ein Erdbeben gibt welches das Rennen spektakulär beendet, hier und jetzt. 2000 Tote, die alle in Erdspalten gestürzt sind, mir doch egal, egal, egal… ich will, dass es vorbei ist.
Noch 2000m. Ohne Publikum wäre jetzt irgendwie doch nix,und die Schmach JETZT zu versagen… wäre das Publikum jetzt weg und ich würde lediglich 1000€ geboten bekommen, wenn ich weitermache, ich würde das Geld in den Wind schlagen oder noch besser, demjenigen, der es mir angeboten hätte, in den Hintern stopfen… trotzdem noch eine letzte kurze Gehpause 700m vorm Ziel. Klingt albern? Stimmt, fühlt sich aber verdammt ncoh mal nciht albern an, neben mir kommt noch einer zum stehen, wir sehen uns klagend an und raffen uns wieder auf…. “MAAAAAARKUS” höre ich meine Frau schreien… wie? meine Frau? das war gar nicht abgemacht, da steht sie, oh Gott wie geil, da der rote Teppich ich kann ihn sehen, er leuchtet so hell wie ein Licht, das Licht am Ende des Tunnels, ich passiere die Ziellinie, ich lache, ich weine… vor Freude und vor Erschöpfung, das erste was ich sehe, dass ganz viele Leute einen Becher alkoholfreies Weizen haben, das will ich auch JETZT SOFOORT !!!

PS: Ach ja die Zeit… 3:25:52 🙂

 

Beitragsfoto und Artikelfoto gekauft von: http://marathon-photos.com
markus

markus

Wenn er nichts Besseres zu tun hat, geht er laufen, theoretisch also quasi immer. Nun hat er zwar praktisch kaum was Besseres zu tun, dummerweise aber verdammt viel Wichtigeres, so dass sich das Laufen auf 3x Wöchentlich und ca. 40km beschränkt...
markus

8 Kommentare auf “Laufbericht – Haspa Marathon 2016 – Mein Erster

    1. Manchmal braucht es nicht viel Worte, um etwas auf den Punkt zu bringen 🙂

  1. Machs besser DU SCHLAMPE!
    Einer der besten Laufblogmomente die ich je gelesen habe

    1. Es klingt wahnsinning undankbar und abgehoben und hinterher habe ich auch so etwas wie Scham empfunden, aber in dem Moment…. BOAHHHH !

  2. Ein wunderbarer Bericht! Vielen Dank dafür!
    Der erste Marathon ist wohl dann doch der Beeindruckenste. Ich habe mitgefühlt! Und du ein irre Leistung erbracht!
    Toll! Und herzliche Grüße von
    Kirsten:-)

    1. Hallo Kirsten,
      ja, es war beeindruckend…in allerlei Hinsicht 🙂
      Danke schön und ebenfalls herzliche Grüße
      Markus

  3. Hi Markus, herzlichen Glückwunsch zum Marathon-Finish! Ich habe mich bisher noch nicht an die Distanz gewagt – nach Deinem Bericht habe ich sie aber zumindest mit durchlebt. 🙂 Gut geschrieben. Habe Dich mal in meinen Feed-Reader übernommen.

    Herzliche Grüße

    Thomas

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