“Das kann doch keinen Spaß machen”

…begrüßt mich ein Kollege, nachdem ich ziemlich abgekämpft von meiner mittäglichen Alsterrunde ins Büro zurückkomme. Dass ich gerade ein richtig erfolgreiches Intervalltraining absolviert habe, mit (für mich) grandiosen Zeiten und dass mir der Lauf ein richtiges Hochgefühl verschafft und in der Tat großen Spaß gemacht hat, dürfte einem “Nicht Läufer” schwer zu vermitteln sein so wie ich gerade aussehe… hochrot, verschwitzt und sichtlich erschöpft.

“Warum tust Du Dir das an?”

…sagt ein Freund von mir, der ebenso gemütlich wie entspannt ist und nur milde lächelt, wenn ich ihm abends bei einem Bierchen erzähle, dass ich dreimal in der Woche laufe, egal wie das Wetter ist… im Winter eben mit Mütze und Handschuhen, im Dunkeln mit Kopflampe, bei Regen mit Regensachen und im Winter, im Dunkeln, bei Regen eben mit Mütze, Handschuhen, Regensachen und Kopflampe. Dass das Spaß machen kann -zumindest im Mittel- glaubt er mir nicht, auch wenn er es sagt. Er lächelt weiter milde und nickt wohlwollend aber ich sehe seiner ganzen Haltung deutlich an, dass es das selbe Lächeln ist, dass er auch einer schwer erkrankten Person entgegen bringen würde, in dem Bemühen sich sein Mitleid nicht anmerken zu lassen. Wir reden dann schnell wieder über den HSV, sicheres Terrain für Beide… einfach drauflos lästern, trifft immer den Richtigen.

“Muss wirklich am Sonntag der Wecker um 6:00 klingeln?”

…sagt meine Frau, wenn am Sonntag besagter Wecker klingelt, weil ich mich aus dem Bett quäle für einen langen Lauf. Ok, sie weiß natürlich, dass ich extra so früh laufe, damit eben nicht der ganze Sonntag im Eimer ist. Zum Frühstück bin ich wieder da, mit Brötchen! Trotzdem ist das einer der Punkte, die gelegentlich zu einer Diskussion werden, nicht nur wegen des geklauten Ausschlafens, sondern auch weil manchmal der ganze Sonntag ein wenig zu träge gerät, weil nach einem 30Km Lauf am Morgen nun mal keine ausgedehnte Familien Fahrradtour mehr drin ist. An dieser Stelle gebe ich das Konfliktpotential zu, aber das wird ein anderes mal thematisiert….

Tja, jetzt wird’s philosophisch…

…denn Was bedeutet “Spaß” bezogen aufs Laufen? Wo hört der auf?  Den bisherigen Überschriften nach, bin ich eindeutig ein starköpfiger Masochist, der es absolut und um jeden Preis übertreibt. Wie soll ich nun erklären, warum ich das so gänzlich anders sehe?
Ich bin seit einigen Jahren recht aktiv in der Community von http://runnersworld.de und das hat meinen Blick aufs Laufen nachhaltig verändert. Es gibt dort wirklich die ganze Bandbreite: Von der  ambitionierten, wettkampforientierten Hochleistungssportlerin, bis zum übergewichtigen Wiedereinsteiger, der nach 20 Jahren Couch gerne seine Füße wieder sehen möchte. Ich kenne dort Leute, die schon ‘zig Marathons gesammelt haben (Einer läuft just am Sonntag seinen 42ten! ). Einige von denen jagen immer der nächsten Bestzeit hinterher, Andere sammeln lieber die Namen der ganz großen, internationalen Veranstaltungen und genießen die Atmosphäre. Ich kenne dort welche, die “Ultras” laufen, also für Distanzen unter 42,2 Km gar nicht erst an den Start gehen und wiederum welche, die nur am Wochenende einige Kilometer laufen und auch das nur um in der Natur zu sein. Bei denen ist weder Streckenlänge noch Zeit ein Kriterium, das bewusst Einfluss nimmt. Es gibt überzeugte Barfußläufer ebenso wie technisch hochgerüstete Lauf-Cyborgs, die ihre 26 Paar Schuhe nach einem festen System, mehrmals täglich wechseln, reinigen und neu sortieren. Jeder von denen hat seine eigenen Gründe und Antriebe.

Worauf will ich nun eigentlich hinaus? Ich denke dieser Beitrag richtet sich eher an die nicht laufende Fraktion, wem sonst gegenüber hat man dieses ständig latente Gefühl sich rechtfertigen zu müssen? Egal in welcher der oben genannten Ausprägungen die Leute nun unterwegs sind, oft wird klar dass es Vielen dort so ergeht.
Mir gefällt es, auf welche Weise ich das Laufen für mich entdeckt habe. Ich genieße durchaus auch mal ein gemütliches Läufchen bei schönstem Wetter über Land. So ganz ohne Zeitdruck oder Trainingsziel, aber ich brauche einfach auch die leistungsorientierte Seite des Ganzen. Sich schinden gehört derzeit einfach mit dazu und das macht mir tatsächlich Spaß, vielleicht gerade deswegen, weil im Alltag schon seit Langem wenig Raum ist, um Leistung um seiner selbst Willen zu bringen. In viel zu vielen Lebensbereichen, ist immer auch diese “Man MUSS das machen” Komponente mit im Spiel. Ja, die Erklärung ist gar nicht schlecht und wenn mal wieder jemand bezogen aufs Laufen zu mir sagt: “Mensch Du MUSST das doch nicht machen” wird die Antwort, die sein:

Eben darum ist es ja so geil” !

 

 

Beitragsfoto gekauft von: http://marathon-photos.com

 

 

markus

markus

Wenn er nichts Besseres zu tun hat, geht er laufen, theoretisch also quasi immer. Nun hat er zwar praktisch kaum was Besseres zu tun, dummerweise aber verdammt viel Wichtigeres, so dass sich das Laufen auf 3x Wöchentlich und ca. 40km beschränkt...
markus

5 Kommentare auf “Spaß am Laufen – Ein sehr dehnbarer Begriff

  1. Hey Markus, schöner Beitrag!
    Stell’ dir mal vor, du wärst eine Mama mit 3 Kindern…Rechtfertigung HOCH 10 😀
    Ich kann deine Gedanken voll und ganz nachvollziehen. Und finde es auch ungerecht, wenn der Wettkampfgedanke so “verteufelt” wird. Wie du schreibst: jeder nach seiner Motivation!

    1. Liebe Carina,
      tjaaaa da sagst Du was. Beim Schreiben des Artikels bin ich zwischenzeitlich in viel ernsteres Gefilde abgedriftet. Das habe ich aber wieder rausgeschmissen und zur späteren Verwendung abgelegt. 😉
      Das Thema “Laufen im Alltag” ist wirklich nicht ohne und da gibt es ganz sicher zwei Seiten der Medaille!

  2. Ich werde hier gern regelmäßig mitlesen. Mit dem von Dir angesprochenen (und auch von Carina als Mutter vermutlich (natürlich?) noch viel stärker empfundenen) Rechtfertigungsdruck Dritten – insbesondere der Familie – gegenüber, habe ich auch dauerhaft zu kämpfen. Ich glaube aber, dass dieser “Kampf” vorrangig aus mir selbst heraus resultiert. Ich fühle mich in vermeintlicher Rechtfertigungsnot. Es sind gar nicht so sehr die Dritten, die eine Rechtfertigung tatsächlich von mir verlangen würden. Gerade meine Familie (der gegenüber ich laufend ein schlechtes Gewissen habe, dass ich neben >55h Arbeit pro Woche nun auch noch mehrere Stunden meinem Laufhobby fröne) unterstützt mich ganz großartig.

    1. Ja da ist was dran Torsten. Es ist schon so, dass meine Frau manchmal genervt ist, aber alles in allem kann ich mich ueber Unterstuetzung wahrlich auch nicht beschweren. Zwischen schlechtem Gewissen wegen Übertreibung und Recht auf Selbstverwirklichung liegt wie immer die Wahrheit und die Grenzen sind so fließend, wie ein runter gefallenes Honigglas…

  3. Hast Du sehr schön geschrieben! Kann ich gut nachempfinden und werde ich meiner Frau mal zur Lektüre empfehlen. Bin gespannt, was hier noch so alles kommt.

    Bei mir klappt’s leider nicht so mit dem 6-Uhr-Aufstehen, der Sonntag leidet definitiv unter dem langen Lauf (der nur halb so lang wie Deiner ist), aber jetzt, wo’s abends länger hell bleibt und langsam warm wird, verlagere ich den vielleicht in die Woche nach Dienst, mal schauen. Wir sind sonntags aber ohnehin immer die, die noch irgendwelche Wege irgendwohin gehen, wo uns die letzten anderen entgegen kommen, die auf dem Rückweg sind. 🙂 Dank der Sommerzeit ist ja nach hinten noch Luft.

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